Nein, nicht alle, unmöglich, eine praktisch unendliche Zahl (2, 4, 16, 32, 64 usw., Zweierpotenz, das sind schon in der 20. Generation über eine Million Menschen, in der 30. über eine Milliarde, in der 40. eine Billion – das wäre gerade mal um die erste Jahrtausendwende nach Christus). Praktisch unendlich wird es, wenn ich alle meine Vorfahren einbezöge, die Hominiden, die Säugetiere, die Vertebrata, die Amöben usw..
Aber immerhin die allernächsten 16 384 (sechzehntausend dreihundertvierundachtzig), das wäre denkbar, 14 Generationen, Anfang des 16. Jahrhunderts. Wäre halbwegs realistisch, denn um den Beginn des 16. Jahrhunderts (mit der Reformation) fing es an mit der Führung von Kirchenbüchern, und ab ungefähr dann ist theoretisch denkbar, alle Ahnen zu ermitteln.
Natürlich auch aberwitzig, diese 16 384 Menschen festmachen zu wollen (nicht irgendwelche Menschen, das schafft Facebook in einer Sekunde, sondern genau diese Vorfahren), sei es auch nur mit ihrem Vor- und Nachnamen. Aber das war das Projekt meines Vaters. Er betrieb es als Hobby seit dem Krieg. Mit dieser Zahl (statt der zunächst anvisierten Hälfte davon) nachdem er meine Mutter geheiratet hatte. Das Projekt der Erforschung aller seiner und ihrer, also meiner Ahnen und der meiner Geschwister, aller 16 384.
Aber das Leben ist endlich, leider auch das meines Vaters.
Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre,
wenn es hochkommt, achtzig.
Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis,
schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin. (Psalm 90, 10)
Er hat es nicht geschafft, damit fertigzuwerden, als er viel zu früh im Jahr 2001, mit gerade einmal 82 Jahren, starb, seine letzten Jahre von einem scheußlichen Krebs bestimmt. Weit gediehen, aber unvollendet. Als ich mich dafür interessierte, als dilettierender Hobby-Informatiker fasziniert von der Fülle von Daten, die da der Verarbeitung harrten, bastelte ich eine Datenbankanwendung, mit der er seine handgeschriebenen Ahnentafeln verarbeiten und veröffentlichen sollte. Nicht nur war das eine Zumutung für jemanden, der von Chemo- und Strahlentherapien geschwächt war. Es war auch eine Zumutung für jemanden, der diese Tafeln schon über Jahrzehnte, lange bevor es PCs und Datenbanken gab, akribisch auf Registerkarten getippt hatte, und keine Lust haben konnte, das zu wiederholen. Aber diese Karteikarten entdeckte ich erst nach seinem Tod, und verstand seine Untätigkeit dann besser.
Ich habe sie danach in meine Datenbank übertragen lassen, von einer schreibgewaltigen Dame, und viele Ansätze entwickelt, um das in eine veröffentlichungsfähige Form zu bringen. Nämlich zur Veröffentlichung im Internet. Denn mir war klargeworden, dass es niemals möglich sein würde, so ein Vorhaben so weit zu bringen, dass es vernünftigerweise gedruckt würde, von der Frage abgesehen, wen so ein Buch interessieren würde. Also war und bleibt meine Idee, den jeweiligen Stand der Erforschung im Internet zu veröffentlichen, für wen immer es interessiert, wo man es jederzeit auf einen neueren Stand bringen kann, sobald es weiter vervollständigt ist.
Das war vor rund 15 Jahren. Sogar die Domäne (aszendenz.de) habe ich damals angemeldet und seitdem jährlich die bescheidenen Gebühren bezahlt. Und dann griff das Leben ein, mit vielfältiger neuer Beschäftigung, und so blieb es ein Korso wie schon beim Vater.
Jetzt aber, da ich bald selbst schon in die maximale Endrunde einlaufe, die uns der Psalmist voraussagt, will ich es wenigstens versuchen, zu einem ehrenhaften Abschluss zu kommen. Und fange an mit den ersten 4095, zwölfte Generation, die ich bisher einigermaßen verläßlich anhand der Ahnentafeln meines Vaters durchgeprüft habe. Keineswegs perfekt, die Erfassung der Quellen vor allem ist unvollständig (sie sind in den Aufzeichnungen meines Vaters oft schwer zu lesen), mit einigen Fragezeichen (der in Einzelfällen schwierigen Lesbarkeit seiner eigentlich gut lesbaren Handschrift geschuldet). Und noch wenig mit den Veröffentlichungen abgeglichen, die seit dem Stand seiner Tafeln erschienen sind – das bleibt zu tun. Dafür schon mit Mehrwert, der zu seiner Zeit nicht verfügbar war, Verlinkung, und Verweis auf Biographien im Internet (vor allem in der Wikipedia) von manchen der illustreren unter ihnen.
Auch viertausend wird Manchem erstaunlich vorkommen. Es sind auch nicht ganz so viele, denn einige Lücken gibt es doch – im Moment sind es 3950 von 4095, etwa 96%. Immer noch ganz schön vollständig. Nur erklärbar, weil die übergroße Mehrzahl dem Adel entstammt, der die Erforschung seiner Ahnen schon immer extrem wichtig genommen hat. Das geschah aus Gründen, die wir heute als politisch bezeichnen müssten, denn nach den Gesetzen, die in Deutschland und einem großen Teil Europas fast bis 1918 galten, war adlige Abstammung die Basis der Legitimierung von Herrschaft. Und weil beim Adel, wie übrigens bei fast allen "Ständen" in Europa, fast nie außerhalb des eigenen Standes geheiratet wurde. Ein paar "Ausrutscher" von diesem Prinzip gibt es doch durch die Jahrhunderte, Liebe besiegte das Herkommen, und sie sind im Wesentlichen für die fehlenden 4% verantwortlich, da bleibt zu arbeiten. Unmöglich ist das nicht, der erwähnten Kirchenbücher wegen, und der vielen Hobbygenealogen, die ihre Ergebnisse im Internet veröffentlichen. Die haben mir schon geholfen, gewichtige Lücken bei korsischen Vorfahren zu füllen, eines der wichtigsten unverwirklichten Vorhaben des Vaters.
Michael Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg
Frankfurt am Main, August 2019